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Zur Fortpflanzung

Entgegen landläufiger Annahmen entstehen Orks durch profanen Geschlechtsverkehr zwischen männlichem und weiblichem Ork, und nicht in Reagenzgläsern, magischen Schlammgruben oder durch sonstige wunderliche Phantastereien. Jedoch hat es unter der Herrschaft Saurons eine lange Tradition, Orks mit bestimmten Eigenschaften zu kreuzen, um diese nach Möglichkeit auf die gemeinsamen Nachkommen zu übertragen. In Murdur wurde diese Praxis bis zur Meisterschaft entwickelt. Fast alle heute bekannten Orkrassen gehen auf gezielte, über viele Generationen perfektionierte Zuchtmethoden zurück. Auch in vielen Stämmen ist es üblich, bei der Fortpflanzung nach bestimmten Merkmalen auszuwählen. Jedoch fehlt es dort an der nötigen „Materialmenge“, um langfristige Züchtungen zu erzielen. Hinzu kommt, dass insbesondere in unabhängigen Stammesgemeinschaften die Aufrechterhaltung von für besonders edel gehaltenen Blutlinien einen zentraleren Stellenwert einnimmt als die präzise Förderung einzelner Attribute durch Kombination.

Maurak (Miliz)

Heute ist die Mehrzahl der Stämme Murdurs dem Gund Piztor angeschlossen. Dabei kann man grundsätzlich zwischen solchen Stämmen unterscheiden, die die Maufulugu des Heers direkt mit geeigneten Fîm beliefern und jenen, die eigenständig Truppen aufstellen , die sie dem Gund Piztor zur Verfügung stellen (Maurak) unterscheiden. Außerhalb Murdurs, vor allem im Nebelgebirge und im Düsterwald, werden die Stämme auf ähnliche Weise der Armee angeschlossen, wenngleich es insbesondere in ersterem eine weitaus größere Zahl unabhängiger Stämme gibt, von denen wiederum einige als assoziierte Verbündete, Söldner oder Handelspartner in Diensten Murdurs stehen. Hier ist die Zahl an „Wildwüchsen“ besonders hoch.

Brutstätten des Maupâsh (Militär)

Das Gund Piztor unterhält an zahlreichen wichtigen Orten in Murdur und an einigen Außenposten sogenannte Ûrt-Dâru (Bruthäuser), in denen junge Orks auf den Militärdienst vorbereitet werden. Oft sind daran Geburtstätten direkt angeschlossen, in denen tragende Lob bis zur Niederkunft untergebracht werden. Viele dieser Lob verbringen ihr halbes Leben damit, Uruk für das Heer zu gebären und in ihren ersten Hîsht-Dûmpu zu betreuen. Die Ûrt-Darû sind nicht notwendigerweise wirkliche Häuser, sondern häufiger sogar noch weit verzweigte Höhlenanlagen in den Ausläufern des Schatten- und des Aschengebirges.

Bâlak (Bastarde)

Generell kann man davon ausgehen, dass Mischlinge zweier Rassen fast immer außerhalb von Zuchtprogrammen entstanden sind. Es ist nämlich äußerst selten, dass Versuche unternommen werden, durch die Kreuzung zweier Rassen verbesserte Resultate zu erzielen. Nicht umsonst haben die meisten Rassen eine über tausendjährige Geschichte, die die Fortführung ihrer Zucht rechtfertigt. Daher haben die meisten jener Bâlak[ nicht nur unter physischen Nachteilen zu leiden, sondern stehen meist auch in geringem Ansehen. Außerdem ist ihre Lebenserwartung häufig nicht besonders hoch, was eher an Mutationen, Verwachsungen, Krankheitsanfälligkeit, Missgeburt oder chronischen Leiden liegt als an der Tatsache, dass viele von ihnen im Alter eines Foshân einfach totgeschlagen werden. Dennoch ist die Zahl an Bâlak im Gund Piztor keinesfalls eine geringe, denn Geburten außerhalb der Zuchtprogramme kommen sehr häufig vor. Manches Mischblut hat es sogar zu einigem Ruhm und einer ansehnlichen Offizierskarriere gebracht.

Berichte


Die Geschichte von einer Geburt in einer normalen Bruthöhle

Autorin Baak


Stickig war es. Stickig und schwül. Widerwärtig wohltuend. Die Luft hing zum Schneiden schwer in der dunklen, warmen Höhle, die seit Jahrzehnten von den Stammesfrauen bewohnt wurde. Die meisten lebten bereits so lange hier, dass sie sich nicht mehr daran erinnern konnten, wie Tageslicht aussah. Von Feuer wurde es ergänzt. An den Wänden der sandigen Gewölbe spiegelten sich die verzerrten Schemen der Lob, die so laut waren, dass ihr Geschnatter schon seit einer Ewigkeit nicht mehr an den weichen Steinen widerhallte. In kleinen Gruppen hockten sie auf dem Boden, manche hielten ihre kleinen Kinder im Arm oder säugten sie, während sie die alltäglichen Streitereien über Belanglosigkeiten fortführten, die ihnen kaum noch eine Abwechslung boten. Besser als Nichtstun. Zeternd, keifend und murrend gab jede ihre Meinung über die begehrten Fragen kund.
Wer würde heute noch zu ihnen kommen? Womit hatte er es sich verdient? Welche von ihnen würde er nehmen?
Viel Auswahl gab es nicht, denn die meisten trugen bereits eine gekeimte Frucht in ihren aufgedunsenen Leibern aus, die fast nicht mehr von den schmierigen Lumpen, die sie Kleidung nannten, bedeckt werden konnten. Wozu auch?
Je weniger man trug, desto schneller hatte man wieder seine Ruhe, oder nicht?
Der Sinn einer Zuchthöhle war nicht von der Hand zu weisen, weder hier noch bei einem anderen der bekannten Clans.
Einige der Jüngeren, die gerade ein-, zweimal geworfen hatten, fanden noch Gefallen daran sich mit irdenen Überresten an Kleinod herauszuputzen um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen. Knochensplitter steckten in ihren Haaren und Holzperlen lagen um ihre Hälse. Sie saßen auch nicht bei den anderen Brüterinnen, die sich in den drei großen Haupthallen eingerichtet hatten, sondern bezogen ihre Posten nahe dem einzigen und bewachten Ausgang, wo sie entweder auf und ab stolzierten oder sich gegenseitig böse Blicke zuwarfen, wenn ihnen die jeweils andere zu hübsch vorkam.
Mehr wagten sie sich nicht zu tun, denn die Wachen duldeten keine offenen Auseinandersetzungen und waren angehalten mit strenger Härte einzuschreiten. Ein verletztes Weibchen verlor zu viel Kraft in der Wiederherstellung seines Körpers, die es bei seinen Geburten dann nicht mehr aufbringen konnte. Aus diesem Grund hielten die Stammesführung die Brüterinnen getrennt vom Rest.
Keine scherte sich drum, was hinter ihrem Rücken geschah, und darüber war Gara im Augenblick sehr erfreut.
Sie hasste es, wenn sie der freien Betrachtung ausgesetzt war, und seit kurzem gab es dafür sogar einen Grund, der zwar nicht spannend, aber dennoch unterhaltsam war. Sie lag zusammengesunken auf ihrem Lager in einer grob angedeuteten Felsnische in der Nähe eines Tunnels, welcher die einzelnen Brutplätze miteinander verband, und wartete beharrlich auf die Geburt ihrer neuen Welpen, die sich durch das Einsetzen der Wehen bemerkbar gemacht hatte. Gara grübelte zwischen den kurzen Schmerzwellen, was nachher als blutiges Bündel auf dem Boden liegen würde. Sie wusste, dass es drei Säuglinge waren. Mit der langen Zeit lernten die Kranklob(Mütter) ihres Clans, wann und wie viele Junge sie gebären würden, nur selten wurde eine andere um Rat gefragt, wenn der eigene Stolz sich in Grenzen hielt.
„Und irgendwann werdet ihr deswegen zu mir kommen, ihr Biester!“, knurrte sie abgehackt, das Bild der kichernden Mädchen vor Augen. Oh ja, und wie sie zu ihr gekrochen kämen! Denn die Gewohnheit würde zweifelsohne ihr Verhängnis werden, wenn sie nicht endlich einsahen, dass ihre Aufgabe nicht nur darin bestand, das Tändeln zur Perfektion zu treiben und hier und da zu werfen, sondern auch sich mit den möglichen, auftretenden Komplikationen auszukennen. Keine in der Höhle hatte damit so viel Erfahrung wie sie und dabei war Gara noch gar nicht mal so alt. Sie wusste, was zu tun war, wenn bei einer Steißlage jeder Muskel im Körper zu brennen schien oder wenn das Junge, den Hals mit der Nabelschnur umwickelt, zu ersticken drohte. Und falls eines quer lag, dann würden eben lange Narben ihren Bauch zieren. Ein Grunzen kam aus ihrer Kehle.
Langsam legte sich ein dünner Schweißfilm über ihre raue, schwarze Haut, brachte diese zum glänzen. Die verfilzten Haare hingen ihr über die Stirn ins Gesicht.
Behutsam zog sie ihren Rock über die Knie und spreizte die krummen Beine. Lange würde es nicht mehr dauern.
Was wollten die da draußen noch gleich haben? Soldaten oder Arbeiter? Egal, es mangelte sowieso an allen Kanten. Seit Jahren ging ihre Zahl permanent zurück, aber bisher hatte sich niemand daran gestört. Niemand, bis auf die Lob. Werft mehr, setzt sie früher ab und seht zu, dass bald Nachschub ansteht. Natürlich!
Woran es nun genau lag, wusste keine wirklich und eine Menge Gerüchte machten in regelmäßigen Abständen die Runde. Manche behaupteten steif, dass die Brutfähigkeit der alten Generation nachließ und zu wenig junge Frauen da waren um die Lücken zu füllen. Meist kam man im gleichen Atemzug auch auf die gescheiterte Zuchtwahl der letzten Jahre zu sprechen, der man eigentlich eine Bandbreite von mittelschweren Kriegern abgewinnen wollte, indem man vorsätzlich reine Mazauks zu den mischrassigen Weibchen schickte. Dass dafür allerdings kaum Männchen in Frage kamen, war denen, die sich das ausgedacht hatten, zunächst egal. Hatten ihren eigenen Harem und ging sie nichts mehr an. Erst nach dem letzten Machtwechsel hatte der jetzige Häuptling, dem kaum noch Truppen geblieben waren, den Fehler aufheben können. Darüber, ob es zur richtigen Zeit oder zu spät passiert ist, stritt man sich manchmal noch heute, wenn ansonsten nichts los war.
In einem anderen Teil der Höhle munkelten sie, dass immer mehr Uruks abgezogen und zur Armee beordert wurden, während die eigenen Reihen keine Leute von außen mehr geschickt bekamen. Ab und zu hatte man ihnen früher eine fremde Abteilung gesandt, die nach irgendwelchen Gefechten die Lage sichern sollte. Jedenfalls hatte man dieses Verfahren eingestellt.
Wenn diese Gruppe ihre Meinung verteidigt hatte, schrie für gewöhnlich die nächste und lauteste auf: Sie kriegten keine Neuen, weil man die sowieso zuerst über die Klippen springen ließ!
Das Auge und Luthic waren seit geraumer Zeit äußerst unruhig, sie forderten mehr. Die Schamanen sagten, ihnen läge nur daran, zu zeigen, wie unzufrieden sie waren und versuchten dies mit neuen Opfern außerhalb des üblichen Rhythmus auszugleichen. Kein Wunder, dass fast keiner übrig blieb.
Gara hielt nichts von diesem sinnlosen Rätseln.
Sämtliches Gerede um die Orkin herum erstarb für ein paar Momente, sodass sie ihren eigenen schweren Atem hören konnte. Grund für die plötzliche Stille war das Aufeinanderschlagen von Eisen, dass sich dem Eingang näherte, der nun von unzähligen Augenpaaren beobachtet wurde. Sie witterte Fleisch.
Das bedeutete, dass es Mittag sein musste.
Die Wächter, zwei grobschlächtige, leichtgepanzerte Männer scheuchten mit ihren Speeren die jungen Weibchen zurück zu den anderen. Kurz darauf erschien eine Prozession aus einer Gruppe Orks, die zusammen zwei riesige Tierrümpfe schleppten. Fell und Haut fehlten, und der intensive Geruch nach Blut und Eingeweiden kroch in alle Nasen. Rind, kein Zweifel.
Neben allen anfallenden Arbeiten, die getan werden mussten, damit jedes Mitglied des Clans über die Runden kam, war die Rinderzucht/Schweinezucht/Farmak(grosse nutztiere die von echsen abstammen) eine der wichtigsten. Auf spärlichem Gras draußen auf den weiten Ebenen weideten die Tiere unter Aufsicht ausgesonderter, sprich schwacher Uruks, deren Nutzen als Krieger zu geringfügig war und die von vorneherein zu anderen Zwecken verwendet wurden.
Im Inneren Mordors war ans weiden nicht zu denken, dort fütterte man die Farmak und schweine mit den abfällen der Gessellschaft, und den toten körpern der Uruks, um ihnen wenigstens einen letzten Verwendungszweck zukommen zu lassen,..die Generation nach ihnen zu nähren.
Das sahen die Hohen Herren nicht gerne, die Häuptlinge und Dushatar rümpften die Nasen bei dieser Art der Resteverwertung,..aber sie konnten es sich auch leisten, die Uruks da draussen in den Zelten und Höhlen konnten nicht so zimperlich sein. Spätestens wenn die Abgaben mal wieder erhöht wurden, war Nahrung Mangelware.
Einmal am Tag wurden Gara und ihre Gefährtinnen auf diese Weise mit Nahrung versorgt, ein Umstand, der ihnen das Leben sichtlich einfacher machte, als wenn sie sich ihr Futter hätten selbst beschaffen müssen.
Die toten Leiber wurden auf den Boden vor die hungrigen Frauen geworfen, von denen sich die ersten gleich mit bloßen Zähnen darauf stürzten, bevor sie von den Nachrückenden vertrieben wurden.
Aus den hinteren Gängen strömte der Rest der Sippe herbei. Kaum eine würdigte die werdende Mutter eines Blickes. Die Männchen, rattige Burschen, zogen sich unter den harschen Rufen der Wachen wieder zurück. Wie immer.
Mit stumpfen Messern und eigenen Klauen rissen sich zuerst die ranghöchsten Lob große Stücke von den Kadavern ab. Erst nachdem sie weg waren, konnten es die anderen ihnen gleich tun. Der Pulk löste sich zäh. Manche trugen ihre Beute zurück zu ihren Feuern; ein kleiner Teil verschlang es an Ort und Stelle in noch rohem Zustand und ein paar balgten sich um die Reste an Knochen und Innereien.
Gara dachte gar nicht an Fressen. Noch immer hatte sie sich nicht gerührt, doch ihre Atemzüge stießen seit den letzten Augenblicken heftiger aus den breiten Nasenlöchern.
Sie stemmte sich mit den Händen nach oben und zuckte ob des Schmerzes zusammen, der ihr zusätzlich ein tiefes Knurren entlockte. „Beeilt euch, dann haben wir alle etwas davon!“, krächzte sie. Ihre Nägel gruben sich in die Strohmatte, auf der sie saß. Ein Beben ging durch sie hindurch. Stoß. Atmen. Stoß. Atmen.
Sie spürte, wie Blut an ihren Beinen zu kleben begann. Stoß. Atmen.
Der Schmerz wurde beinahe unerträglich und Gara hätte glauben können, dass er sie zerriss, wenn sie den Ablauf nicht schon so viele Male durchgemacht hätte. Stoß.
Ein unterdrückter Schrei drang aus ihrer Kehle und zu ihm gesellte sich ein weiterer. Schrill und laut schlug er ihr entgegen. Wage ließen sich dunkle Umrisse zwischen ihren Knien im matten Licht erkennen. Das erste Junge war also draußen. Der Orkin blieb keine Zeit um sich das Neugeborene genauer zu betrachten, denn ihr Unterleib verkrampfte sich sofort wieder und unter Ächzen landete das Zweite wenig später auf dem harten Boden. Gara wartete ungeduldig darauf, dass sich ihr Körper für die letzte Etappe der Geburt, die das dritte Junge zur Welt bringen sollte, bereit machte, doch nichts dergleichen passierte. Stattdessen verebbten die Wehen und mit ihnen verging langsam sämtliche Anspannung in Garas Gliedern. Keine Anzeichen für einen weiteren Säugling.
Seltsam, hatte sie sich doch noch nie geirrt.
Ausgelaugt lehnte sie sich zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn, bevor sie sich ihrer neuen Brut zuwandte. Schleimüberzogen, quengelnd und verschrumpelt lagen beide da und plärrten aus vollem Hals. Eines strampelte wild mit den dünnen Beinchen, die von der Nabelschnur umwickelt waren, während das andere die Knie nach oben zog, als ob es sich einrollen wollte.
So sah also ihre Arbeit für die nächsten drei, vier oder fünf Jahre aus. Jahre, in denen sie Zeit hatte die Beiden zu vollwertigen und nützlichen Uruks zu erziehen. Von Ernähren bis Sprechen, von Gehorsam bis Disziplin.... Stroh für die Flammen, Eisen zu Stahl.
Gara wollte eine Hand nach ihnen ausstrecken, als neben ihr ein Schatten an der Wand auftauchte. Jemand war neben sie getreten und scharrte jetzt mit seinen sehnigen, warzigen Füßen im Dreck herum.
„Har, schon wieder geworfen? Sehen ja schmächtig aus. Würd´ mich nicht wundern, wenn sie eingehen!“
Balgat hatte es also wieder einmal geschafft, sich unbemerkt anzuschleichen und ihr Gift zu verspritzen. Niemand gab sich freiwillig mit ihr ab, denn es war bekannt, dass sie später alles Gesagte zu ihrem Vorteil drehen und wenden würde, egal, welche Methoden sie anwenden musste. Das alte Weibchen bückte sich schwerfällig und griff sich an den krummen Rücken, der noch von zusätzlichem Gewicht nach vorn gezogen wurde. So gerne wie die Skessa mit ihren Würfen geprahlt hatte, so sicher war sich Gara, dass dies ihr letzter sein würde.
Die Wöchnerin außer Acht lassend, griff sie nach den Welpen, doch ein lautstarkes Fauchen ließ sie inne halten. „Wie du meinst. Sieh zu, dass sie trocken werden“, sagte sie höhnisch, wohl wissend, dass Gara die Letzte wäre, die ihre Ratschläge benötigte.
Diese quittierte das mit einem Schnauben. Sie packte sich das zappelnde Neugeborene, riss seine Nabelschnur ab, hob es hoch und begutachtete es von allen Seiten. Den Kopf hatte es in den Nacken gelegt und entblößte sein kleines Maul, das irgendwann mit spitzen Zähnen gespickt sein würde.
Es war ein Junge. Kräftig, gesund, aber er hatte trotzdem etwas drahtiges an sich.
„Akh, bei dem andern hast du weniger Glück“, kam es schneidend von der alten Brüterin, die unbemerkt ihren Fuß zwischen die Schenkel des zweiten Welpen gesteckt und diese auseinandergedrückt hatte,“ ist nur´n Mädchen geworden. Wirst eben nicht jünger.“ Die Schadenfreude hätte ihr Gara am liebsten aus dem fast zahnlosen Grinsen geschlagen.
„Bin immer noch für so was zu gebrauchen. Im Gegensatz zu dir.“ Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.
Ein verhaltenes Lachen war die Antwort und Balgat ging nicht weiter darauf ein. „Nicht mehr lange“, tuschelten die Lob bereits hinter vorgehaltener Hand,“ bald schon, bald.“
Stattdessen lenkte sie das bisher knappe Gespräch auf einen anderen Punkt zu.
„Hast du schon ´nen Namen für die Ratten?“, fragte sie neugierig und war erstaunt darüber, dass sie bereitwillig eine Auskunft bekam. „Den hier nenn ich Aslâg.“ Gara wollte die ungeliebte Besucherin umgehend loswerden und schnitt ihr deshalb das Wort ab, als sie wieder das schmallippige Maul öffnete.
„Und die da Akul.“ In der Hoffnung, dass Balgat jetzt endlich hinter der nächsten Biegung verschwinden würde, drehte sie ihr die Schulter zu, bettete ihren Sohn auf den Schoß und zog ihre Tochter von der Matte hoch und die knorpelige Verbindung zum Mutterleib wurde gekappt. Auch sie besah sie sich für ein paar Momente, in denen sie von Balgat ungläubig beobachtet wurde.
Das Mädchen hatte aufgehört zu schreien, im Gegensatz zu seinem Bruder. Es kniff die Lider zusammen und reckte starr das Kinn nach vorne, gab jedoch keinen Laut mehr von sich.
Dem runzligen Gesicht war keinerlei Regung zu entnehmen, die zeigte, ob das Kleine seine Außenwelt überhaupt wahrnahm.
Es hing schlaff in den Händen seiner Mutter, die begann es mit dem Ärmelsaum ihres schmutzigen Hemdes abzureiben.
Die alte Orkin stand weiterhin daneben.
Nein, sie würde der alten Aufrührerin nicht auf die Nase binden, dass sie eigentlich drei erwartet hatte. Wer wusste, welches Gerücht dann in Umlauf geraten würden, schlimmer noch, wenn es jemand außerhalb der Höhle mitbekam.
Garas Blick wechselte zwischen den Geschwistern hin und her. Beide waren kein Vergleich mit den Jungen, die sie in ihren Glanzzeiten zur Welt gebracht hatte. Manchmal vier oder fünf auf einmal. Und fast nur Männchen.
Dagegen wirkte das Bild, dass sich ihr nun bot, einfach lächerlich.
„Sicher, dass es noch lebt?“, schloss Balgat ungehalten an,“ ich hab doch gesagt, dass beide nicht ...“
Weiter kam sie nicht, denn Gara war urplötzlich schreiend hochgefahren. Ihre Züge verwandelten sich zu einer Grimasse und ihr Gesicht verschmolz zu einem einzigen Klumpen aus Haut, Schweiß und Falten.
Sie zog die Knie an, sodass ihr Sohn an ihre Brust gepresst wurde, während sie das mädchen über eine Schulter warf. Aslags kleine Hände krallten sich in groben Stoff und er fing an zu plärren.
Ein unerträgliches Zerren ging von einer Stelle tief im Inneren ihrer Bauchhöhle aus. Mit einem starken Ruck klappte Gara ihre Oberschenkel auseinander und einen Moment später landete ein fleischiger Klotz dazwischen. Die Nachgeburt.
Das Zerren wich einem bleibenden Stechen. Warum konnte Gara nicht sagen, normalerweise verliefen Nachgeburten ohne anhaltende Wirkungen.
Um ihrem Unmut freien Lauf zu lassen, begnügte sie sich damit Balgat, deren faulige Zähne von einem sardonischen Grinsen entblößt wurden, schroff anzuschnauzen. Schlimmer hätte es nicht kommen können, die alte Lob wusste jetzt mit absoluter Sicherheit, dass irgendetwas mit Gara nicht stimmte, sei es wegen der geringen Welpenzahl, dem Verhalten ihrer Tochter oder dem unheimlich schmerzhaften Austreten der Plazenta. Wie sie es auch drehen würde, ein kleiner Pfeil würde früher oder später in ihre Richtung zielen.
Ohrenbetäubend und ohne nachzudenken, was sie brüllte, kreischte sie los, sodass es wahrscheinlich die ganzen anderen Weiber zusätzlich mitbekamen: „Ja, verdammt! Sie leben! Oder bist du neuerdings blind geworden zu deiner Dummheit dazu? Ich hab noch genug Kraft um beim nächsten Mal doppelt so viele zu werfen! Aber das wirst du ja nicht mehr erleben!“ Völlig außer Atem, hechelte sie weiter:“ Vertrau mir, ich seh dir an, dass du´s nicht mehr lange durchhältst.“ Balgat knurrte und ging in die Knie. Unbeirrt stichelte sie weiter: „Har, bald bist du weg! Weg! Schade, dass wir dann kein Stück mehr von dir abkriegen werden, wenn sie draußen mit dir fertig sind. Reichst ja nicht einmal für ´ne Reihe!“
Gara spürte, wie sich sämtliche Köpfe der ersten Höhle umdrehten und in ihre Richtung starrten. Schritte ertönten. Die ersten hatten beschlossen, sich den Streit aus nächster Nähe anzusehen. Sand knirschte unter Füßen. Gelächter. Wie immer.
Sie beendete ihre Tirade. Balgat rührte sich, richtete sich zu voller Größe auf, nur gleich darauf nach vorn zu schießen. Sie ließ sich neben Garas Kopf auf die Knie fallen und packte sie am Kragen. Ihre Nägel bohrten sich in Fleisch. Aslag schrie.
„Nar, nichts weißt du! Wir werden sehen, wer zuerst hier rausgeht.“ Von ihr ablassend, griff sie hinter sich und zog den großen Fleischballen zwischen ihrer beider Gesichter. Geronnenes Blut lief in langen Fäden herunter.
„Bald siehst du nicht viel anders aus, kleine Gara!“ gurrte sie mit einem Glitzern in den Pupillen. Mit ihrer freien Hand riss sie ein Stück heraus und stopfte es sich in den Mund, wo sie genüsslich darauf herumkaute.
Umständlich stand sie auf, ihre Trophäe eng an sich gepresst. „Nichts weißt du“, wiederholte sie und zog ab. Gara starrte ihr hinterher, war aber nicht Willens sie durch einen Zuruf dazu zubringen wieder hierher zu kommen. Die Schaulustigen verstreuten sich von selbst.
Akul wurde in eine Armbeuge ihrer Mutter gelegt, Aslag blieb wo er war.
Der Gedanke so zu enden wie der Brocken in Balgats Schlund, störte sie weniger. Es blieb ihr dennoch ein Rätsel, was diese gemeint hatte. Sie vor ihr?
Die Bilder der vergangenen Minuten schlichen vorbei. Keine Zeichen für ihr Ableben.
Die Brüterin hatte ihr wohl einen Schrecken einjagen wollen, den sie mit der Nachgeburt zu untermalen versucht hatte. Nicht anders. Das Stück, dass herausgerissen wurde hatte bloß ein Loch in totem Fleisch hinterlassen.

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